Freitag, 8. März 2013

Post aus Uganda


Unser Neumitglied Felix Dümcke ist zurzeit in Uganda, wo er im letzten Jahr einen Freiwilligendienst absolviert hat. Nun besucht er dort Bekannte. In einem ersten Bericht schildert er uns einige seiner Erfahrungen:

Seit Samstag bin ich wieder in meiner zweiten Heimat. Ich bin wieder in der Perle Afrikas, in Uganda. Von September ´11 bis September ´12 absolvierte ich hier einen von Weltwärts (der Freiwilligendienst des BMZ) angebotenen Freiwilligendienst. Es war das bisher erlebnisreichste Jahr meines Lebens. Ich hatte das Privileg, einen Einblick in die Kultur Ostafrikas zu bekommen, knüpfte enge Freundschaften und fühlte mich immer mehr mit diesem Land verbunden. Ich lebte das Jahr über in einer Gastfamilie, zu der ich ein sehr inniges Verhältnis entwickelte und arbeitete an drei Grundschulen als „Aushilfslehrer“. Es ist jedoch keineswegs so, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich und eine Vielzahl von anderen Freiwilligen in Uganda und anderen sogenannten Entwicklungsländern machten und noch machen. Und warum nicht? Nun, es fällt mir nicht gerade leicht, das in ein paar Sätzen zu schildern. Trotzdem versuche ich es. Entwicklungshilfe ist der moderne Rassismus im Gewand des Altruismus und richtete zudem seit ca. 60 Jahren mehr Schaden an als eine Verbesserung der Lebensumstände der Menschen in „unterentwickelten“ Regionen zu bewirkten. Ob es junge Menschen aus dem globalen Norden sind, die auf der Suche nach einem Abenteuer einen Freiwilligendienst im globalen Süden verrichten, Hilfsorganisationen, die Plakate mit Bildern von abgemagerten afrikanischen Kindern an Bushaltestellen, wie man sie auch in Chemnitz findet, anbringen, oder ob es der Charakter der UN – Millenniumsziele, die das Ende des Leids bis zum Jahre 2015 versprechen, ist: überall wird uns das verfälschte, klischeehafte Bild eines von Katastrophen in schöner Landschaft übersäten Afrikas vermittelt, das keinen mitfühlenden Menschen unberührt lässt. Die Hilferufe von Organisationen und unser Engagement beruhen jedoch auf unserer – im kolonialen Diskurs entstandenen – Überzeugung, „unterlegene“ Menschen (zur Zeit des Kolonialismus schimpften wir sie unzivilisiert und heute gelten sie als unterentwickelt) an die Hand nehmen zu müssen und zu zivilisieren bzw. zu entwickeln. Ich hatte vorgestern ein sehr langes und gutes Gespräch mit meinem ehem. Gastvater, Robert, der mir die Misere der derzeitigen Entwicklungspolitik aus seiner Sicht – und ich pflichte ihm voll und ganz bei – schilderte. Er sieht wie sehr viele andere Afrikaner*Innen die Verantwortlichkeit für das Verharren in der derzeitigen Lage in dem Westen und den afrikanischen Eliten. Der Westen pumpt nämlich immense Summen zum Zweck der Entwicklung in die jeweiligen Länder, und die Eliten behalten alles für sich. Die Regierungen beziehen also ihr Einkommen vom Westen, statt von Steuerleistungen der eigenen Bevölkerung. Die Folge ist, dass sie sich ihrem eigenen Volk gegenüber nicht verantwortlich fühlen und nichts im Land bewegen wollen. Entwicklungshilfe legt aber nicht nur die Regierungen lahm, sie unterminiert, so Robert, auch häufig Bestrebungen einfacher Bürger*Innen, etwas zu bewegen. Auch ich habe es oft genug miterlebt, wie Weiße mit Plänen, die sie in ihrem Herkunftsland entwarfen, nach Uganda kamen und meinten, sie – als „überlegene“ Menschen – wüssten besser als die hier lebenden Menschen, was gut für den Fortschritt Ugandas sei. Dass sie vielen Ugander*Innen damit das Gefühl geben, unfähig zu sein, etwas von selbst zu erreichen, übersehen die meisten. Dabei sind alle gut funktionierenden Projekte, die ich kennenlernen durfte unter der Leitung von Ugander*Innen! So ist es umso beschämender, zu sehen, wie großkotzig sich viele Weiße hier geben, was sie mit ihrer Arroganz anrichten und dass das, was sie tun, von uns, den Bewohnern des globalen Nordens, als positive Leistungen rezipiert wird. Für ein faires Miteinander ist es daher unabdingbar, zu verstehen, was es bedeutet, weiß zu sein, zu verstehen, dass uns, der westlichen Bevölkerung, die Macht, die auf der Bevormundung von anderen Menschengruppen beruht, zu Teil wurde und zu verstehen, dass nicht alles, was nach etwas Gutem und Uneigennützigem aussieht, auch Gutes bewirkt.
Trotz alledem lass ich mir von all der Dekadenz nicht meinen Urlaub vermiesen. Ich habe bereits viele Freunde und Bekannte wiedergetroffen, mit denen ich sicher in den nächsten drei Wochen noch viel Spaß haben werde. Es ist jedenfalls unglaublich schön, nach sechs Monaten wieder hier zu sein, mit meinen ugandischen Geschwistern zu spielen, am Viktoriasee zu entspannen und abends mit Freund*Innen ein Bierchen trinken zu gehen. Bei all den tollen Dingen kann man schon mal vergessen, dass man noch eine Hausarbeit zu schreiben hat.

VlG,
Felix

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