Sonntag, 31. März 2013

Ratingagenturen – Warum sind sie so mächtig?

Im Zuge der Schuldenkrise der so genannten PIIGS-Staaten, Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien, sind Institutionen des Finanzmarktes in die öffentliche Diskussion geraten, die vorher eher unauffällig gearbeitet haben. Gemeint sind die Ratingagenturen bzw. genauer die drei großen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings. Dies ist von Bedeutung, weil es weltweit etwa 140 Ratingagenturen gibt, die sich allerdings in einem Punkten grundlegend von den drei Großen unterscheiden. Während die bereits genannten Agenturen derzeit unverzichtbar sind, ist die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der restlichen Agenturen eher gering. Es stellt sich also die Frage worin die unterschiedliche Bedeutung begründet ist?

Die Antwort darauf ist ganz einfach: in amerikanischen Gesetzen.

In den USA wurde vor einigen Jahrzehnten geregelt, dass jedes Finanzprodukt, das auf dem US-Markt gehandelt wird, geratet werden muss. Grund dafür ist die Aufklärung der Anleger über die Risikohaftigkeit des Investments. Im Klartext bedeutet das, jeder, der Geld von US-Investoren bekommen möchte braucht ein Rating. An dieser Stelle kommt jetzt der Unterschied zwischen den drei großen und den restlichen Agenturen ins Spiel. Denn es reicht nicht irgendein Rating, sondern es muss ein Rating einer lizenzierten Ratingagentur sein, von denen es genau drei Stück gibt. Nämlich Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. So erklärt sich auch, warum diese drei Agenturen über 90% des Marktes unter sich aufteilen, denn der weltweite Finanzmarkt wird sehr deutlich von den USA dominiert. Wer also größere Summen braucht, kommt am amerikanischen Finanzmarkt nicht vorbei.

Neben der Regelung des obligatorischen Ratings und der Lizenzvergabe ist allerdings nicht mehr viel geregelt. Wie die Ratings erstellt werden müssen oder was in ein Rating mit einfließen muss oder darf ist den Ratingagenturen selbst überlassen. Auch die Frage was bei fehlerhaften Produkten (Ratings) passiert, wie es sie in jedem Unternehmen gibt, ist nicht geklärt. In anderen Branchen würde in diesem Fall die Gewährleistung greifen, doch für Ratings? Um diese Frage zu beantworten ist eine genauere Betrachtung von Ratings bzw. deren Erstellung notwendig.

Wie werden Ratings erstellt?


Die berühmten Buchstaben AAA bis C bzw. D sollen grundsätzlich die Ausfallwahrscheinlichkeit des Produktes oder des Schuldners angeben. Die ist bei AAA sehr gering, dennoch aber vorhanden, und in den untersten Klassen C bzw. D sehr hoch. In so ein Rating fließen neben quantitativen Faktoren wie Umsatz, Gewinn und weitere Kennzahlen, auch qualitative Informationen ein. Das können Wettbewerbsfähigkeit oder eine besonders gute Entwicklungsabteilung sein. Während für die quantitativen Faktoren eine standardisierte Ratingerstellung noch vorstellbar ist, wird es bei den qualitativen Faktoren deutlich schwieriger. In der Praxis werden die Ratings in der Regel von Komitees erstellt, die besonders über den Einfluss der qualitativen Informationen entscheiden. Anders formuliert, das Rating wird ausdiskutiert.

Für ein so erstelltes Rating eine Garantie zu geben ist relativ schwierig, denn wann genau wurde richtig geratet und wann nicht? Wenn ein AAA-Investment ausfällt, liegt dann eine falsche Bewertung vor? Nicht zwangsläufig, denn wie bereits erwähnt ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls gering, aber vorhanden. Hier wird das Problem der fehlenden Regelung also besonders deutlich. Das schlagende Argument der Ratingagenturen in den Gerichtsverfahren der letzten Jahre allerdings ist ein anderes. Sie berufen sich auf ihre Meinungsfreiheit und sehen die Ratings lediglich als Äußerung ihrer Meinung. An dieser Stelle ist eine rechtliche Regelung also dringend notwendig. Welche Akteure aber haben hier welche Interessen und wer könnte Veränderungen in Gang bringen?

Die Ratingagenturen selber sind private Unternehmen, die dem Wettbewerb auf dem Markt ausgesetzt und an der Maximierung ihrer Gewinne interessiert sind. Deren Eigentümer wiederum sind teilweise auch private Unternehmen, die auf den Finanzmärkten versuchen ihre Gewinne zu maximieren, nämlich internationale Banken. Die anderen Eigentümer sind ebenfalls Investoren, wie Hedgefonds und Vermögensverwalter, also eigentlich die Akteure, die von den Ratingagenturen ein objektives Rating erhalten sollen. Ihr primäres Interesse ist es ein möglichst gutes Rating zu erhalten, denn das senkt die Kapitalkosten und wirkt sich wiederum positiv auf die Gewinne aus. Daher ist nicht davon auszugehen, dass sie versuchen werden auf die Kriterien der Ratingvergabe einzuwirken.


Wie könnte auf Ratingagenturen eingewirkt werden?


Bleibt also noch der Staat, genauer die USA. Als Gesetzgeber obliegt es ihr so oder so die Regulierung gesetzlich festzuschreiben. Im Sinne der gesamten US-Wirtschaft, die unter den Fehlbewertungen, die zur Finanzkrise geführt haben besonders gelitten hat, sollte es auch im Interesse des Staates sein das Ratingsystem neu zu ordnen. Das aber hätte schon längst geschehen können und wäre direkt 2008 oder 2009 wohl am einfachsten gewesen. Auf der anderen Seite hat die Politik auch andere Interessen, die sie mithilfe der drei großen Ratingagenturen durchsetzen kann. Etwa die Sanktionen gegen den Iran sind im Wesentlichen auf dem fehlenden Rating des Iran begründet. Eine Kreditaufnahme in den USA, dem wichtigsten Finanzmarkt grade wenn es um große Summen geht, ist für den Iran so nicht mehr möglich. Andere Länder, die diese Sanktionen versuchen zu umgehen haben ebenfalls mit dem Entzug des Ratings zu rechnen und könnten in diesem Falle ihre fälligen Schulden wahrscheinlich nicht mehr bedienen.

Es ist also offensichtlich, dass auch die Politik nicht zwangsläufig nur die Interessen der heimischen Wirtschaft gegenüber den Ratingagenturen vertritt. Bleiben also noch die Agenturen selbst. Wie schon beschrieben sind sie private Unternehmen und stehen in gegenseitigem Wettbewerb. Um den Gewinn zu steigern müssen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch möglichst viele Ratings erstellen, denn dafür werden sie bezahlt. Allerdings nicht von Investoren, die ihr Geld in gute Anlagen investieren wollen, sondern von den Unternehmen, die von ihnen geratet werden. Und die wollen in erster Linien ein möglichst gutes Rating. Wird das nicht gegeben, hilft der Wettbewerb bzw. der Wettbewerber. Sollte eine der drei Agenturen anfangen die Kriterien objektiver zu gestalten um ein realeres Rating zu erstellen, brechen erfahrungsgemäß die Aufträge weg und die Kunden gehen zur Konkurrenz.

Eine Veränderung des Systems durch die Akteure selbst sollte also auch keiner erwarten. Doch wie kann der Druck erhöht werden um Änderungen herbeizuführen? Und was kann Europa bewirken? Die viel diskutierte europäische Ratingagentur als Gegengewicht zu den drei Großen hat einen eher geringen Stellenwert. Eine europäische Agentur könnte zwar kleine Unternehmen raten, die sich auf dem europäischen Markt Kapital beschaffen wollen, die Bedeutung des US-Marktes wird dadurch aber nicht geschmälert. Damit bleibt auch die Basis der Macht der großen Ratingagenturen unangetastet, nämlich das obligatorische Rating für den US-Finanzmarkt und die fehlende Regelung zur Ausgestaltung des Ratings.

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