Mittwoch, 24. April 2013

Gedenken an die Opfer des Genozids von 1915 im Osmanischen Reich

Arpine Nazaryan ist Mitglied der Jusos Chemnitz und armenische Staatsbürgerin. Anlässlich des  "Gedenktag für die Opfer des Völkermords an den Armeniern 1915"
der jedes Jahr am 24. April stattfindet, fasst sie hier einige ihrer persönlichen Positionen und Erfahrungen mit der Gedenkkultur zusammen.
Jedes Jahr am 24. April gedenken Millionen von Menschen der Opfer des Völkermords von 1915 im Osmanischen Reich. In Armenien ist an diesem Tag Ausnahmezustand. Tausende Armenier*innen und Besucher*innen aus aller Welt pilgern zu Fuß zum Zizernakaberd, dem Denkmal für die Opfer von 1915, das in der Hauptstadt Jerewan steht. Wer einmal an so einem Zug teilgenommen hat, wird es nie wieder vergessen. Man sieht in den armenischen Gesichtern die tiefe Trauer, den Schmerz, das Leid, aber auch die Wut und das Unverständnis, die sie seit 98 Jahren mit sich tragen. Eine bisher nicht verheilte Narbe, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. 
Warum dem armenischen Volk der Heilungsprozess und die vollkommene Aufarbeitung der Ereignisse im Osmanischen Reich nicht gelingen, ist einfach zu erklären. Die türkische Regierung leugnet bis heute die systematische Tötung von über 1,5 Millionen Armenier*innen im Osmanischen Reich. Somit wird ein Teil der türkischen Geschichte verheimlicht und vertuscht. In der Türkei ist der Genozid von 1915 an den Armenier ein Tabuthema, teilweise drohen auch Gefängnisstrafen für diejenigen, die in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Dennoch hindert es viele Türk*innen nicht, sich mit den Ereignissen von 1915 auseinander zu setzten und sich für die Anerkennung des Völkermords in der türkischen Gesellschaft zu engagieren. 
Viele der Diasporaarmenier*innen, die in der ganzen Welt verstreut sind, kommen ursprünglich aus der Türkei, beziehungsweise die Eltern oder Großeltern sind dort geboren. Sie konnten rechtzeitig fliehen und sich so das Leben retten. Ihr Hab und Gut mussten sie dort lassen. Doch schlimmer ist für viele Armenier*innen der Verlust der Familienmitglieder. Der Armenische Genozid, den die Führer*innen des Osmanischen Reichs systematisch durchgeplant hatten, kostete vielen Männern, Frauen und selbst Kindern das Leben. Es gibt nur wenige Überlebende. Sie berichten immer wieder von den Gräueltaten der Türken, die dem armenischen Volk 1914/15 widerfahren sind. Aber nicht nur die miterlebten Geschichten der Zeitzeugen, sondern auch viele Archivmaterialien beweisen, dass im Osmanischen Reich ein Völkermord an dem armenische Volk ausgeübt wurde. 
Nun ist die Zeit gekommen, dass die Türkei sich ihrer Vergangenheit stellt, einen offenen Dialog in der Türkei genehmigt und anhand der bestehenden Fakten den Genozid an den Armenier*innen anerkennt. Die armenischen Familien, die im Genozid ihre Verwandten und Freunde verloren haben, warten seit Jahrzehnten auf eine Entschuldigung und eine Anerkennung des Völkermords seitens der Türkei. Im Jahre 2015 wird der 100. Gedenktag sein und es entsteht manchmal der Eindruck, die Türkei hofft, dass die Armenier*innen eines Tages diese fürchterlichen Ereignisse vergessen und die Geschichte ruhen lassen. Doch dieser Tag wird nicht kommen. Selbst wenn 200 Jahre vergehen wird es Millionen von Armenier*innen geben, da bin ich mir sicher, die sich für die offizielle Anerkennung, seitens der Türkei, für den Genozid an dem armenische Volk im Osmanischen Reich einsetzen. Die türkische Regierung ist die Anerkennung nicht nur den Millionen Opfern schuldig, sondern auch dem eigenen Volk.
Arpine Nazaryan


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