Donnerstag, 30. Mai 2013

Jusos am historischen Ort

Zum zweiten Mal beteiligte sich der Verein Lern-und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis an der Chemnitzer Museumsnacht. Ebenfalls zum zweiten Mal stellten die Jusos Chemnitz dabei einen guten Teil des freiwilligen Helfer-Teams, das die Durchführung erst möglich machte. Die Chemnitzer Landtagsabgeordnete Hanka Kliese ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins und schreibt uns, was den Kaßberg so besonders macht.

Wurden die rein ehrenamtlichen Veranstalter im vergangenen Jahr noch von 2.300 Besuchern gleichsam überwältigt, waren die Erwartungen in diesem Jahr gedämpft: Schlechtes Wetter, ein deutsch-deutsches Champions-League-Finale und die Befürchtung, das lange Anstehen im letzten Jahr habe abschreckend gewirkt, ließen die Erwartungen sinken. Und es kam doch anders. Auch in diesem Jahr waren es mehr als 1.300 Menschen (bei sinkender Gesamtbesucherzahl der Museumsnacht), die in der einstigen Stasi-U-Haft den Zeitzeugen lauschten, Ausstellungen anschauten oder den bedrückenden historischen Ort auf sich wirken ließen. 
Die Geschichte des Gebäudes auf der Kaßbergstraße führt in das Jahr 1886 zurück. Gegründet als sächsisch-königliche Haftanstalt diente das Haus zur Inhaftierung politischer Gefangener zur Zeit der Nazi-Diktatur. Nach 1945 inhaftierte die sowjetische Besatzungmacht politisch unliebsame Personen dort, später wurde die U-Haft zu einem Ort, der gesamtdeutsche Geschichte schrieb. Hierher kamen diejenigen Häftlinge, welche gegen 10.000 bis 90.000 DM in den Westen freigekauft wurden. Etwa 32.000 Menschen wurden im Rahmen dieses beispiellosen devisenorienterten Menschenhandels in den Westen gebracht. Das Tor dazu stand auf dem Chemnitzer Kaßberg.  
Nicht für jeden politischen Häftling war der Freikauf der Weg ins Glück. So berichtet die Zeitzeugin Sabine Popp ihren Besuchern in der Museumsnacht, wie schwer es sie traf, ihre Familie nicht wiedersehen zu dürfen. Sabine Popp wollte nicht in den Westen. Sie wollte über die politischen Verhältnisse in ihrem Land diskutieren. Für andere wiederum war die Fahrt mit dem Bus von Karl-Marx-Stadt nach Gießen ein Freudentag und vor allem verbunden mit dem Ende eines langen Leidensweges. Die Folgen der Haft - die durch durch Schlaf-Entzug, Willkür und soziale Isolation geprägt war - sind für viele ehemalige Häftlinge bis heute spürbar. Sie sind froh, dass nun an ihr Schicksal erinnert wird.  
So unterschiedlich die Biographien auch sind und so wenig "authentisch" die überformten Zellen heute wirken: Der historische Ort verfehlt seine Wirkung nicht. "Ich komme das erste Mal seit 1972 hier her - als freier Mensch" schrieb ein Besucher in das Gästebuch. Die Jusos Chemnitz haben zum wiederholten Mal dazu beigetragen, dass dieser Ort den Besuchern für eine Nacht zugänglich wurde. So tragen sie auch einem Grundgedanken des Vereins Rechnung. Er soll nicht nur zum Gedenken, sondern auch zum Lernen für die junge Generation dienen.

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