Samstag, 28. September 2013

Geh heerst Oida, `s ist Wahlkampf!

Am 29. September finden in Österreich die Nationalratswahlen statt. Unser Genosse Stefan war im Sommer dort im Urlaub und hat auf Unterhaltung durch den Wahlkampf gehofft.

"Für nette Nebeneffekte neben dem vordergründigen Wandern sorgen Österreichurlaube in den Wahljahren. Nicht nur hierzulande sind also Wahlen auf Bundesebene angesagt, auch im Nachbarland stehen die Nationalratswahlen an. Und mit einer gesunden Prise Polemik kann das sehr unterhaltsam sein, zumal in einem Land, wo die Fraktionsvorsitzende Klubobfrau heißt und offenbar jedeR Mensch mit Schulabschluß sich Herr oder Frau Magister nennt.

Dieses Jahr scheinen in der Alpenrepublik irgendwie alle etwas wahlkampfmüde. Die Zeitungen beklagten die hohe Zahl an TV-Duellen. Weit im zweistelligen Bereich plant der öffentlich-rechtliche ORF einen Haufen solcher Duelle mit allen möglichen Parteien. Dazu kommt manchmal der Eindruck, in Österreich ploppten täglich neue Skandale auf, ständig stolpern irgendwelche LandesfürstInnen oder es treten neue Spezl-Bestechungs-Geschichten zutage. Am liebsten wirft man das den arrivierten Roten (SPÖ) und Schwarzen (ÖVP) vor. Und plötzlich regieren die Grünen in Tirol mit und beschließen recht schnell mit der ÖVP die Einstellung einer Bahnverbindung zwischen Nord- und Osttirol um statt dessen Doppelstockbusse über die Alpenpässe brummen zu lassen. Jaja, die „Dammischen da oben“.

Und obwohl alle unzufrieden sind, steuert Österreich derzeit wohl auf die Fortsetzung der rot-schwarzen Koalition zu. Dabei sah es vor einem Jahr noch weitaus erschreckender aus: Die rechtsoffene populistische und bisweilen rassistische FPÖ lag zwischenzeitlich an der Spitze der Umfragen und zusammen mit dem neugegründeten „Team Stronach“ drohte sich eine bedenkliche Koalition abzuzeichnen. Letztere stellen sowas wie eine technokratische Superheldentruppe des milliardenschweren Austrokanadiers Frank Stronach dar, dem sein letztes Hobby (den österreichischen Fußball auf Weltklasseniveau zu pimpen) zu langweilig wurde. Statt dessen „verpflichtete“ er ein paar ÖVP- und einzelne SPÖ-Abgeordnete und greift nun voll an, um Österreich mit neuen Werten zu erneuern. Was v.a. heißt, ArbeitnehmerInnenrechte zurückzufahren um die Alpenrepublik marktradikal auf den Kopf zu stellen. Beide sind in den aktuellen Umfragen zurückgefallen und diese Konstellation könnte sich wohl Gott sei Dank dieses Mal nicht ausgehen.

Also, Wahlkampf - und dann das: am Urlaubsort ist nicht ein einziges Wahlplakat. Gut, dass mag daran liegen, dass in manchen Bergdörfern Tirols eh die ÖVP nur knapp an den Ergebnissen der Nationalen Front bei den DDR-Volkskammerwahlen vorbeischrammt. Da braucht es fast keine Alternativangebote – die Infotafel der ÖVP genügt.

Doch Halleluja, auf der Rückfahrt tauchten sie dann doch links und rechts der Straßen auf, die Marketingergüsse der österreichischen Parteien. Fangen wir doch gleich mit der Schwesterpartei jenseits der Donau an. Der Kanzlerbonus zieht auch in Österreich, weshalb Werner Faymann würdevoll drein blickt und verkündet: „Mit sicherer Hand für Arbeitsplätze“. Klingt etwas holprig, irgendwie fehlt in der Raumaufteilung des Plakats auch ein Füllwort vor den Arbeitsplätzen, was regelrecht dazu einlädt, mit Edding einfach etwas Passendes zu ergänzen. Immerhin, die SPÖ steht zur Tradition als Arbeiterpartei und lässt den Kanzler vor einer wehenden roten Fahne posieren. Das sieht ästhetisch sehr ansprechend aus, zugebenermaßen. Aber eben auch merkelmäßig personenzentriert.

Die konservativen Koalitionspartner warten hingegen mit phantastischen alpinen Panoramaaufnahmen und nicht mal unsympathischen Slogans auf. So prangen „Österreich gehört den Optimisten“ und „Österreich gehört den Weltoffenen“ auf malerischen Ansichten der Heimat. Allein die Kombination wirkt verwirrend, prangen die Optimisten doch eher über einer abschmelzenden Gletscherlandschaft während die Weltoffenen statt dessen in einen engen Talkessel hinein wandern. Naja, die Werbeagentur wird’s schon wissen. Ansonsten nicht schlecht.

Was machen die Newcomer vom Team Stronach? Schlichte Schriftwerbung à la „Pensionen sichern. Frank“, was geradezu einlädt mit wenigen Pinselstrichen ein „Pensionen sichern, Frank!“ daraus zu zaubern. Mit viel Witz, aber überraschenderweise auch tierverachtenden Motiven werben Die Grünen. Der Spruch „Rot-Schwarz: genug gestritten“ wird mit einem umgekippten Marienkäfer untermalt. Der arme Käfer. Und so was von den Grünen…

Den Vogel abgeschossen haben aber die rechtsoffenen FPÖler, die gegenüber der letzten Wahl eine ganz neue Ästhetik an den Tag legen. Beim letzten Mal warb der Vorsitzende HC StraCHE als junger Revoluzzer mit dem Street-Credibility-Slogan „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist.“ Jetzt haben wir 2013 und HC Strache lässt sich von einer recht alten Bürgerin die Wange tätscheln und verkündet „Höchste Zeit für Nächstenliebe“.

Letztlich alles nix Spektakuläres, so weit sind Österreich und die Bundesrepublik eben nicht auseinander. Alles in allem auch recht platt. Und doch mündet die schon geschilderte Politikverdrossenheit in einem weiteren tierischen Plakat der Grünen, welches die zumindest subjektiv als bleiern wahrgenommene Atmosphäre manifestiert. Ein spöttischer Affe verkündet: „Wer einmal klaut, den wählt man nicht“. Schlägt man begleitend dazu eine beliebige österreichische Tageszeitung auf, wird das dann wohl auf alle antretenden Parteien zutreffen. Bei allem Unterhaltungswert: der politischen Kultur wegen braucht man nicht ins Nachbarland fahren. Also doch wandern gehen."

Stefan Kraatz


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