Sonntag, 15. Juni 2014

Perspektivwechsel: als Konservativer in den Bundestag

Foto: Dr. Simone Raatz, MdB
Vom 1. bis 3. Juni fand in Berlin das Planspiel “Jugend und Parlament 2014” (JuP 14) statt. Mit dabei war auch der Chemnitzer Juso Lukas Petersohn. In seinem Bericht erklärt er, warum ihm das Leben als Bundestagsabgeordneter durchaus gefallen könnte und was ihn sonst noch bewegt hat.

Paul Löbe hat sich um die deutsche Sozialdemokratie verdient gemacht. Ein demütiger Mann, der 1932/1933 den Vorwärts leitete, das Amt des Reichspräsident begleitet, wurde 6 Monate lang vom NS-Regime inhaftiert und schließlich nach Ende des Krieges aus seiner Heimat vertrieben. Von da an lebte er bis zu seinem Tod in West-Berlin, wo er sich besonders stark für Heimatvertriebene machte. Ein ereignisreiches Leben, dass Paul Löbe da geführt hat. So beeindruckend, dass man ihm zu ehren eines der zum Bundestag gehörenden Bürogebäude benannt hat. 

Das erste, was ich von JuP 14, also dem Bundestagsplanspiel Jugend und Parlament 2014 mitbekam, war das Gespräch mit einem Jungen, vielleicht 19 Jahre alt, gekleidet in einem schwarz-weißem Jack&Jones Hemd, aus Bayern stammend, was sein Akzent und seine Aussage zu der Frage seiner Herkunft übereinstimmend bestätigten. Schnell ging unser Gespräch über die Bildungspolitik und alles, was ich ihm, freudig CSU-Wahlprogramme monologisierend, entnehmen konnte war, dass es an unseren Schulen zu wenig Druck gäbe. Schließlich würden viel zu viele Dummbeutel, die den ganzen Tag Videospiele spielen anstatt für die Schule zu lernen, das Abitur schaffen, jedoch so schlecht, dass sie sowieso nichts damit anfangen könnten, stellte er freundlich dreinblickend fest. Der Realschulabschluss passt ohnehin besser zu denen. So der Tenor. Natürlich hat mein erster Augenblick in JuP 14 nicht viel Aussagekraft für das Planspiel, aber er hat mich wieder einmal in meiner Entscheidung zur SPD bestätigt. 

Jeder von uns bekam eine Mappe, die mit unserem Spielnamen, welche wir zusammen mit anderen Angaben per E-Mail einschicken mussten, versehen war. So wurde ich zu Jonas Herrmann. Unsere Mappe Enthielt, abgesehen von den fiktiven Gesetzesentwürfen auch unser Rollen Profil. Nach der uns vorliegenden Biographie hatten wir die nächsten Tage zu entscheiden, und zu Handeln. Jonas Herrman war 46 Jahre alt. Er hatte 4 Kinder, aus geschiedener Ehe, und redete nicht gerne über seinen Familienstand, er lebte mit seinem besten Freund in Löningen, Niedersachsen. Er war Leiter des Wahlkreisbüros und trat 2005 die Nachfolge seines Abgeordneten an. 

Ich durfte mich zwischen neun Ausschüssen entscheiden, fünf sollte ich ankreuzen. 1.Wahl, was ich am liebsten tun wollte, 5.Wahl, was ich auch notfalls machen würde. Glücklicherweise wurde ich meiner 1.Wahl zugeteilt, dem Auswärtigen Ausschuss. Dieser war federführend in der Frage, ob Deutschland Truppen nach „Sahelien“, einem westafrikanischen Staat schicken sollte, in dessen Norden islamistische Rebellen herrschten. Ich wurde zum Sprecher gewählt und durfte also die Interessen meines Ausschusses nach außen wirksam vertreten. Das machte mir riesig Spaß Ich habe immer wieder Verhandlungen um einen Militäreinsatz geführt, den Lukas Petersohn sofort abgelehnt hätte. Dieser Perspektivwechsel war fast so einmalig, wie die Möglichkeit, das eisenhart verhandelte Ergebnis unter Applaus vor einer ganzen Fraktion vorstellen zu können. 

Meine zugeloste Partei, die Christliche Volks Partei (CVP) hatte fast die absolute Mehrheit. Ihr seht, dass alle Parteien, die vertreten waren, den realen Bundestagsparteien und Mehrheiten angepasst waren. Mein Ausschuss, der aus 90% JU`lern bestand, und mit denen ich mich auch zu meiner Überraschung persönlich ausgezeichnet verstanden habe, stand dabei immer hinter mir. Die von Jonas Herrmann maßgeblich mitgestaltete Beschlussempfehlung wurde mit breiter Mehrheit angenommen. Das macht einen schon auf eine gewisse Art stolz. 

Am besten aber gefiel mir das Gespräch mit der Abgeordneten, die mir die Teilnahme am JuP 14 ermöglicht hatte. Dr. Simone Raatz hatte sich auch nach der offiziell festgeschriebenen Zeit mit mir und ihrer Mitarbeiterin zum Essen getroffen und ein in vielerlei Hinsicht anregendes Gespräch über ihre Arbeit mit mir geführt. Sie nahm sich für mich mehr Zeit als jeder andere Abgeordnete für seinen „Schützling“. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Ein Tag, der 6:45 beim Frühstück losgeht und 23:00 im Hostel endet kann schlauchen. Kann. Mir haben meine Verantwortung für den Ausschuss und die Reden vor meiner kritischen Fraktion so gut gefallen, dass mir der riesen Tag normal erschien. Vielleicht kann ich ja auch einmal als MdB arbeiten, ein Wunsch ist es, auch wenn es verdammt hart sein kann. Dann aber ohne Rollen-Profil ;)

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