Donnerstag, 24. Juli 2014

Partyotismus - harmlos, normal, national?

Die Diskussion über den deutschen Umgang mit Patriotismus ist inzwischen fast zur Tradition rund um große Sportevents, vor allem Fußballhappenings geworden. Auch bei uns gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Knapp zwei Wochen nach dem Titelgewinn der deutschen Fußballherrennationalmannschaft stellen Lukas und Martin nochmal ihre Positionen hier dar.
 
Nicht alles ist immer politisch - Lukas 

 "Um sich abzureagieren kennen wir verschiedene Wege. Wir treiben Sport, entspannen am Strand oder hören Musik. Viele schauen sich auch Fußballspiele an, um ihren Emotionen freien Lauf lassen zu können. Ich gehöre auch dazu und bin bei so gut wie jedem Heimspiel des CFC dabei. Ich kann und will nicht abstreiten, dass ein wesentlicher Teil der Fans ganz offensichtlich rechter Gesinnung ist. Bei den Spielen der WM war ich auch dabei, und habe die Menschen miterlebt, die mit ihrer Mannschaft gefiebert haben, bis zum ersehnten Titel. Auch hier liefen natürlich ein paar rechte Kloppies mit übergroßen Deutschlandfahnen umher. Ich finde aber nicht, dass Fußball hierfür die Ursache ist, ob WM oder nicht: Nazis bleiben Nazis. Sie bleiben solang welche, bis man ihrem Gedankengut mit Fakten und Perspektiven entgegentritt, darauf hat Fußball keinen Einfluss. Ich sehe aber keinen Indikator für gefährliches und rassistisches Gedankengut darin, eine Flagge einer Nation in die Luft zu halten. Die meisten Menschen die ich beim Public Viewing getroffen habe, waren schlichtweg unpolitisch, sie haben sich einfach mit der Deutschen Nationalmannschaft gefreut, ohne sich besser oder schlechter zu fühlen. Schwarz­rot­goldene Schminke im Gesicht war für sie ein Zeichen zur Solidarität mit der Mannschaft, und weil sie stolz auf deren Leistung waren. Ich sehe darin nichts Verwerfliches. Ich kann keinen Sinn darin erkennen, dass es Menschen gibt, die mit dem Finger auf Andere zeigen, die einen Sportereignis verfolgen, und dabei preisgeben, welchem Land man den Titel am meisten gönnt. Wenn bei den Olympischen Winterspielen eine glückliche Omi eine Fahne schwenkt, weil Felix Neureuther die beste Zeit gefahren ist, muss diese doch auch nicht gleich einen Shitstorm auf Facebook ertragen...

Ich glaube, dass man nicht für jedes Verhalten eine politische Ursache finden muss. Die FIFA ist ein korrupter Haufen Scheiße, und die WM Vorbereitungen waren zum Teil unmenschlich. Aber ich sehe hierfür auch nicht die Schuld bei der deutschen Nationalmannschaft und ihren Fans. Dass man sich einmal in 4 Jahren für sein Land freuen darf, hat aus meiner Sicht mit Nationalismus nicht sonderlich viel zu tun."

Lukas




Lieber Sport als Deutschtümmelei - Martin

"Eins Vorweg: Ich mag Fußball. Ich mag es Drittligaspiele zu verfolgen. Und ich mag es internationale Topspiele zu sehen. Ich mag auch Fußballweltmeisterschaften. Ich mag auch Dinge beim Public Viewing. Zum Beispiel Bier.

Was ich nicht mag, ist dieser deutschtümmelnde Hype. Diese “Wir-sind-wieder-wer”-Stimmung. Die Schminke im Gesicht und die Autofähnchen. Ich mag keine schwarz-rot-goldenen Klobürsten (Ok, eigentlich doch, die sind schon sehr lustig). Ich mag es nicht, dass ich, wenn ich in der Öffentlichkeit ein Deutschlandspiel sehe, von einem Haufen Menschen umgeben bin, die zwar keinerlei Interesse an Fußball haben, es dafür aber scheinbar erotisch finden, eine Hymne zu singen, eine Fahne zu schwenken oder laut zu brüllen “Schlaaaand”. Ich finde es zum Kotzen, wieviel rassistischer Bullshit während eines Deutschlandspiels von irgendwelchen Fans rausgehauen wird. Und, was ich ganz besonders nicht mag ist, dass mir letzte Woche ein Schüler, der die fünfte Klasse eines Gymnasiums besuchte, in einem Workshop mitgeteilt hat: “Wir sind alle Weltmeister geworden. Außer der Daniel, der ist nämlich Russe”.

Der letzte Punkt ist ein hervorragendes Beispiel, dass es dort wo es ein “wir” gibt, es auch ein “die Anderen” gibt. Und an der Herkunft festzumachen, wer zu diesem “wir” gehört und wer nicht, ist und bleibt eben scheiße. Patriotismus an sich ist nicht cool. Was soll das, stolz auf das zu sein, was andere, die zufällig aus dem selben Land kommen, getan haben? Warum sollte ich stolz darauf sein, aus welchem Land ich komme? Ich habe herzlich wenig zu meiner Nationalität und ebensoviel zum Weltmeistertitel der deutschen Nationalmannschaft beigetragen. Es ist auch nicht cool, mit Nationalsymbolen herumzuwedeln. Ich bin immer noch Idealist genug, um zu hoffen, dass etwas Besseres als Nationalstaaten möglich sind. Da muss ich nicht auf irgendwelche kollektiven, alkoholbeseelten Hypes aufspringen, Fahnen schwenken oder die Hymne mitsingen. Da freue ich mich lieber darauf, dass bald wieder eine grundsolide Drittligasaison losgeht."

Martin



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