Dienstag, 12. August 2014

Das Gesetz der Straße

Seit sechs Jahren unterstützen die Jusos Chemnitz die Wohnungslosenhilfe bei ihrem jährlichen Sommerfest. Höchste Zeit, sich einmal richtig kennen zulernen. Zu unserer Sitzung am 6. August hatten wir deswegen den Leiter der Einrichtung, Alfred Mucha, eingeladen.

"Wir übernehmen die Aufgabe des Geländers. Die Treppen musst du selber steigen, aber du kannst dich bei uns festhalten", beschreibt Mucha seine Arbeit bei der Wohnungslosenhilfe. Dazu gehören mehrere Projekte und Angebote:
- eine Beratungsstelle, die vor allem von von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen nutzen
- die Betreuung von Menschen, die gerade wieder eine Wohnung gefunden haben und sich an das neue Leben gewöhnen müssen
- Straßensozialarbeit
- der Tagestreff, der für derzeit 199 Wohnungslose auch die Einrichtung eines eigenen Briefkastens bietet

Genau dieser Briefkasten macht den Unterschied. Denn nur wer in Deutschland auch eine Postadresse vorweisen kann, bekommt Sozialleistungen und Harz IV. Wer seine Adresse verliert, verschwindet zunächst auch einmal aus den Einträge beim Einwohnermeldeamt. Stattdessen liegt bei den Behörden mancherorts eine Strichliste neben den Computern, um einen zahlenmäßigen Überblick zu behalten. Wer für das Einwohnermeldeamt nicht sichtbar ist, kann auch nicht wählen und das System ändern, in dem er lebt. Wer das wirklich wöllte, müsste den Behörden zynischer weise zunächst einmal nachweisen, dass er lange genug im Wahlkreis lebt. Ohne Adresse ein Unding.

Mucha und seine Kollegen wollen gerne helfen. Sie gehen raus auf die Straße und in verlassene Häuser, um zu sehen, ob dort jemand Unterschlupf gesucht hat. Doch die Scham ist groß. Wer auf der Straße lebt, will sich oft nicht öffentlich oder vor anderen Wohnungslosen die Blöße geben, nach Hilfe zu fragen. Die Einsicht darin, dass man Hilfe braucht und der Mut sich zu öffnen sind deswegen die wohl wichtigsten Schritte. "Wissen Sie, wie schwierig das ist, zu jemandem zu gehen und zu sagen: ich kann mit meinem Geld nicht umgehen?"

Das Leben auf der Straße ist auch manchmal eine Entscheidung. Eine Entscheidung gegen die Bedingungen, die der Sozialstaat an seine Leistungen knüpft. Eine Entscheidung, deren Folgen sich viele nicht bewusst sind. Wer sich keine Postanschrift einrichten lässt und damit kein Harz IV bekommt sammelt ganz unbewusst Schulden bei der Krankenversicherung an. "Da müssen Sie gar nichts machen, auch nie zum Arzt gehen. Sie sind zwangsweise versichert und werden als Selbstständiger der geringsten Einkommensklasse eingestuft." Wer dann tatsächlich von der Straße komme, um nach Hilfe zu fragen, sei oft gesundheitlich angeschlagen, denn "das Leben auf der Straße macht dich kaputt." Der einzige Weg, der oft bleibe, um medizinische Hilfe zu bekommen: Notaufnahme. Und auch dafür werden Rechnungen ausgestellt.

Wer kann in eine solche Situation kommen? Jeder! Die Schuldfrage sei deswegen vollkommen irrelevant. Über seine Möglichkeiten zu helfen will sich Alfred Mucha nicht beklagen. Mit den Gesetzen könne man sogar noch viel mehr anfangen, wenn man sie anders auslege. Für die Einzelschicksale wäre mehr Zeit nötig. "Als Kostenträger haben wir ein halbes Jahr, um ein 40-jähriges Leben aufzuarbeiten." Vor allem das Gefühl gebraucht zu werden, Beschäftigungs- und Arbeitsmöglichkeiten fehlen. Denn wem tut es nicht gut, gebraucht zu werden?

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