Freitag, 22. August 2014

Kommentar: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Vor Kurzem habe ich mitbekommen, was bereits vor mehreren Monaten passiert ist. In Chemnitz-Ebersdorf will ein Edeka sein Diebstahl-Problem "in den Griff bekommen". Um das zu erreichen wurde nun ein mehrsprachiges Schild aufgestellt, auf dem in verschiedenen Sprachen Zitate aus Koran, Bibel und Strafgesetzbuch stehen, um an das Gewissen von Asylsuchenden zu appellieren, doch bitte nicht zu stehlen.

Das ist natürlich eine ganz ausgezeichnete Idee. Es ist ja allgemein bekannt, dass es eine deutsche Besonderheit ist, dass Stehlen verboten ist. In anderen Ländern ist das schließlich allgemein üblich. Deshalb wissen die Asylsuchenden es sicher nicht besser. Und es ist toll, dass Sie endlich einmal jemand darauf hinweist! 

Spaß beiseite. Aber wir sollten es uns doch mal fragen, wie befremdlich jede*r von uns es fände, in ein anderes Land zu kommen und uns würde erst einmal erklärt, dass Diebstahl übrigens verboten ist.

Ich schätze die Arbeit der AG In- und Ausländer sehr. Es gibt in Chemnitz wohl kaum eine Instanz, die in den letzten Jahren auch nur annähernd so viel dafür getan hat, dass Migrant*innen hier ankommen können. Es wurden viele gute Projekte gestartet, von Hausaufgabenhilfe, bis zu einem Projekt, dass für die Situation Geflüchteter sensibilisieren soll.
Auch der Chemnitzer Brücke muss einiges zu gute gehalten werden, denn die Initiative engagiert sich in Ebersdorf vor Ort für die Asylsuchenden, wirbt für Akzeptanz und ein Miteinander. Doch diese Aktion mit dem Schild erscheint mir als Griff ins Klo. Mir ist beim besten Willen nicht klar, welcher Zweck damit erfüllt werden soll. Ich nehme an, das Einzige was hier tatsächlich erreicht wird, ist, dass die Vorbehalte in der "einheimischen" Bevölkerung gestützt und rassistische Annahmen bestärkt werden.

Der EDEKA-Laden, der sich hier profiliert, scheint sich übrigens auch sonst nicht mit Ruhm zu bekleckern. Pro Chemnitz durfte am 10.8. auf seinem Parkplatz ein "Stadtteilfest" veranstalten. Bei einem Privatparkplatz keine Selbstverständlichkeit und nichts was EDEKA nicht hätte verhindern können. Es passt ins Bild.

Anstatt sich an derart zweifelhaften Kooperationen zu beteiligen und alltagsrassistische Ressentiments zu bestärken, wäre es wünschenswert, dass sich die Initiativen wieder mehr auf ihre ursprünglichen Aufgaben konzentrieren. Sich für Respekt und Miteinander einzusetzen. Für Akzeptanz gegenüber Geflüchteten zu werben, auch wenn es Schwierigkeiten gibt. Und sich für bessere Bedingungen der Asylsuchenden - gerade für die, die in der Sammelunterkunft in Ebersdorf leben - einsetzen. Gerade eine Verbesserung hier könnte vielleicht die Eine oder den Anderen tatsächlich vom Klauen abhalten.


Martin Bott


(Zu diesem Kommentar gibt es einen Gegen-Kommentar: "Nicht genug")

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen