Donnerstag, 24. September 2015

Kommentar: Endlich erste Geige

Labour hat gewählt. Einen Hinterbänkler, einen Abweichler. Einen, der sich in 32 Jahren Parlament nicht verbiegen lassen wollte. Keinen "New Labour", sondern einen Sozialisten. Seit dem 12. September ist Jeremy Corbyn Parteivorsitzender. Zeit für einen Blick auf die Insel.

Rückblick: September 2013. Ich bin gerade in Newcastle upon Tyne angekommen. Auslandssemester. Scheiß Zeitpunkt für einen Wahlkämpfer. In einer der ersten Nächte sitze ich vor dem Livestream in meinem WG-Zimmer. Wir haben verloren. Anders kann man das mit 25,7% und ohne einen eigenen Chemnitzer SPD-Bundestagsabgeordneten nicht nennen. Ich fühle mich krank. Wieder vier Jahre CDU...

Ziemlich schnell stelle ich fest, dass mein Stundenplan mir reichlich Zeit lässt. Also suche ich meine britischen comrades von Labour. Eine Gruppe von 10 Studenten - nicht gerade üppig für DIE britische Studentenstadt, aber was soll´s. Zuhause bekommen wir auch viel mit unseren kleinen Truppe gebacken, denke ich mir und unterschreibe gutmütig den Mitgliedsausweis. Ein Fehler. Denn was ich zu diesem Moment noch nicht verstanden habe: im hochkapitalistischen United Kingdom hat Labour die Arbeiter längst aus den Augen verloren. Bei einem Treffen mit dem lokalen Abgeordneten dreht sich alles um den Wunsch, die Studiengebühren mögen doch bitte moderat steigen. Das wäre schon schön. Auch wenn es natürlich schwierig ist. Man verstehe die Zwänge... Viel erfreulicher wäre da doch der Wahlsieg in der Nachbarstadt Gateshead. Eine tolle Kampagne mit viel Einsatz! Viel Einsatz finde ich gut, doch ein Ziel für das sich das Kämpfen lohnen würde, kann ich nach einigen Treffen immer noch nicht erkennen. Labour hat keine Visionen im Herbst 2013 und mit sozialer Demokratie oder gar Sozialismus nichts zu tun.

Zwei Jahre später: Ich bin gesund, aber Labour hat die Wahl verloren. Das britische Wahlrecht lässt ein an sich passables Labour-Ergebnis schlimm aussehen: Die Konservativen gewinnen unter PM Cameron 0,8% und damit zahlreiche Sitze hinzu. Milibands Labour legt hingegen 1,5% zu und verliert Mandate. The winner takes it all. Und Miliband geht als Bauernopfer.

Jetzt also Corbyn. Militärs drohen mit einem Putsch, sollte er die Wahl gewinnen. Er will weder Syrien bombardieren, noch aus der Europäischen Union austreten. Er will die Bahn und den Energiesektor wieder verstaatlichen, die Reichen stärker besteuern und die Armen entlasten. Er will Studiengebühren abschaffen und entschuldigt sich bei Generationen von Studenten, die unter Labour-Herrschaft für ihre Ausbildung zahlen mussten. Er will Labour wieder zu einer Partei machen, die für soziale Gerechtigkeit steht. Es wäre höchste Zeit.


Tim Jungmittag

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