Donnerstag, 3. November 2016

Kommentar: Rolle Rückwärts


Logo der Initiative 'Flüchtlinge willkommen', die hilft, WG-Zimmer für Flüchtlinge zu finden. Und in Chemnitz so?

Terror wie es ihn in Deutschland noch nie gegeben hat! Schwere Ermittlungspannen! Besonders sächsische Behörden versagen! Täter finden in Chemnitz in Privatwohnungen Unterschlupf! Zeit, dass die Stadt reagiert und ihr Unterbringungskonzept anpasst! Barbara Ludwig reagiert entschlossen auf die NSU-Selbstenttarnung: “Wir werden die Praxis, erwachsenen Deutschen Wohnungen zu vermieten, beenden. Stattdessen soll diese hochproblematische Gruppe, zukünftig in Sammelunterkünften leben.”

Das hat damals natürlich niemand gesagt und auch zurecht keine*r gefordert. Es wäre schließlich völlig am Thema vorbei gegangen. Beim Fall Al-Bakr scheint es dagegen selbstverständlich, dass das dezentrale Wohnkonzept in Frage gestellt wird. Allein reisende  junge Männer, insbesondere aus Nordafrika und sogenannten sicheren Herkunftsländern, sollen zukünftig wieder in Massenunterkünften wohnen.

Diesmal scheint es einfacher, eine Gruppe auszumachen, die nicht zu groß und doch relevant genug ist, zu verallgemeinern, ohne sich dem Vorwurf einer allzu plumpen Vorverurteilung schuldig zu machen. Von marodierenden Banden männlicher Flüchtlinge hat schließlich jeder schon einmal gehört. Die Unschuldsvermutung, Grundstein unseres Rechtssystems, bleibt dabei auf der Strecke. Der männliche Flüchtling ohne Familie wird zum zwielichtigen Typus erklärt und soll sich doch bitte erstmal beweisen. Flüchtlinge zweiter Klasse. Dass die Unterscheidung nach Geschlecht, Herkunft und Familienstatus diskriminierend ist, spielt keine Rolle: sollen die doch froh sein, dass sie überhaupt Asyl bekommen!

Dabei hatte das Chemnitzer Unterbringungskonzept eigentlich so viele gute Argumente auf seiner Seite. In der Mitte der Gesellschaft zu wohnen, fördert die Integration in ebendiese.Weil es hilft Vorurteile abzubauen, wenn man regelmäßig den geflüchteten Nachbarn trifft. Weil Heimunterbringung einfach scheiße ist: Traumatisierte Menschen verschiedener Religionen ohne viele Möglichkeiten der Betätigung hocken, schlecht informiert und ohne Privatsphäre, aufeinander. Klar schafft das Grundlage zur Eskalation.

Deshalb war die Oberbürgermeisterin auch immer stolz darauf, es besser zu machen, als der Freistaat. Während es in dessen Gemeinschaftsunterkünften, wie beispielsweise in Chemnitz-Ebersdorf immer wieder Probleme gab, wurden die kommunal unterzubringenden Refugees in der ganzen Stadt verteilt. Nebenbei wurde auch noch betont, dass dies auch noch viel kostengünstiger sei, als die Unterbringung in Sammelunterkünften (vgl. Asylkonzept der Stadt Chemnitz, S. 4)

Doch plötzlich sind all diese Argumente nichts mehr wert. Stattdessen wird nun das Rad zurückgedreht. Es ist wenig verwunderlich, dass der Applaus dafür vor allem von Pro Chemnitz kommt. Denn dass bestimmte Flüchtlingsgruppen unter Generalverdacht stehen und deswegen schlechter behandelt werden, passt gut in das Weltbild dieser Rassist*innen.  Aufgeklärtere Persönlichkeiten sollten dagegen von solchen pauschalisierenden Verknüpfungen absehen. Stattdessen sollte man weiter die Pro und Contras verschiedener Unterbringungsformen abwägen. Wer das tut, wird feststellen, dass sich an diesen nichts geändert hat und dezentrales Wohnen immer noch die beste Option ist. Dass die Oberbürgermeisterin stattdessen lieber die Populistin gibt und ihre Haltung um 180° ändert, ist dagegen einfach nur peinlich.

Martin Bott & Tim Jungmittag

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